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Samira El Ouassil

Samira El Ouassil Publizistin und Schauspielerin, München

Die Kunst, uneinig zu bleiben – Affekte, Narrative und politische Polarisierung

Polarisierung gilt gegenwärtig als Signatur einer Öffentlichkeit, die sich selbst beim Auseinanderdriften beobachtet und diese Wahrnehmung als “Spaltung der Gesellschaft“ rahmt. Was dabei beschrieben wird, ist weniger ein klar umrissener Zustand als ein Affektsturm – und zugleich die Erzählung einer Demokratie, die sich ihrer eigenen Belastbarkeit nicht mehr ganz sicher ist.
Doch vielleicht greift diese Diagnose zu kurz. Der Vortrag schlägt vor, Polarisierung nicht primär als pathologischen Ausnahmezustand zu begreifen, sondern als strukturierenden Normalfall pluralistischer Demokratien – mit entscheidenden Unterschieden in ihrer Form und Wirkung.
Ausgehend von narrativen Theorien politischer Sinnstiftung soll gezeigt werden, wie politische Konflikte nicht nur argumentativ, sondern vor allem affektiv und erzählerisch organisiert sind: über Wir-und-Sie-Geschichten, moralische Dramatisierungen und kollektive Selbstbilder, die Zugehörigkeit ebenso herstellen wie Abwertung. Während themenbezogene Polarisierung demokratische Aushandlung erst ermöglicht, erodiert affektive Polarisierung die Grundlagen gemeinsamer Wirklichkeitsannahmen, indem sie politische Gegner:innen in moralisch minderwertige Andere verwandelt.
Der Vortrag verbindet soziologische Polarisierungsforschung mit einer narrativ-kulturwissenschaftlichen Perspektive auf Öffentlichkeit und fragt, inwiefern der Wunsch nach „Entpolarisierung“ nicht selbst eine politische Erzählung ist.

Zur Person:
Publizistin und Schauspielerin. Nach einem Masterstudium der Kommunikationswissenschaft und Neuen Deutschen Literatur an der LMU sowie einer abgeschlossenen Schauspielausbildung arbeitet sie als Kolumnistin für den SPIEGEL und den Deutschlandfunk. Zudem veröffentlichte sie den für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Bestseller “Erzählende Affen – Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen”. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik sowie dem Michael-Althen-Preis ausgezeichnet und vom Medium Magazin zur Kulturjournalistin des Jahres gewählt.

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